Eine Betrachtung zum Wochenspruch des Monats März.
“Da weinte Jesus” Johannes 11,35
Liebe Schwester, lieber Bruder,
ist Traurigkeit Sünde? – Wie ich auf diese „dumme Frage“ komme? Weil sie mir schon oft gestellt worden ist! Und weil sie aus biblischen Aussagen hergeleitet wird. Schreibt nicht der Apostel Paulus: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“ (Phil 4,4; siehe auch Phil 3,1; 2Kor 13,11; 1Thess 5,16). Und sagt nicht Martin Luther: „Wo Glaube ist, da ist auch Lachen!“? – Nun könnte man doch daraus schlussfolgern: „Wo kein Lachen ist, ist auch kein Glaube!“ Und wo ich mich nicht „allewege“ freue, liege ich noch unerlöst in den Fesseln der Sünde! – Mir hat einmal ein Gemeindemitarbeiter gesagt: „Ich kann mich nicht über meinen Glauben freuen. Also ist mein Glaube nicht echt und ich habe keinen Anteil am Heil Gottes!“ – Du siehst, liebe Schwester, lieber Bruder, so „dumm“ ist meine Frage nach dem Zusammenhang von Traurigkeit und Sünde also gar nicht.
Mich erreichte dieses Thema vor ein paar Wochen auf eine ganz persönliche Art und Weise. Ein Bruder, dessen Rat und Meinung ich sehr schätze, gratulierte mir zum Geburtstag. Er wünschte mir „ganz viel Freude“ und fügte hinzu: „Du siehst manchmal sehr nachdenklich und traurig aus.“ – Mit dieser Gratulation löste er einen regelrechten Gedankensturm in meinem Kopf aus. Einerseits freute ich mich darüber, dass hier ein mir nahestehender Mensch nicht nur oberflächlich „Alles Gute“ wünschte, sondern seelsorgerlich und sensibel hinter meine „Fassade“ schaute. – Andrerseits fragte ich mich: Was hast du nur falsch gemacht, dass man dir die „Freude des Evangeliums“ nicht ansieht? Steht nicht in Jesaja 52,7: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen …“? Und sagt nicht der Philosoph Friedrich Nietzsche über uns Christen: „Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!“ Sehr oft wird
dieses Zitat im Zusammenhang mit dem Thema Mission benutzt. Christen werden dazu
aufgerufen, fröhlich und sichtbar erlöst zu leben, damit man ihnen ansieht, wie freudebringend“ der christliche Glaube ist. – Solcherart Gedanken gingen mir nach der Geburtstagsgratulation durch den Kopf. Und ganz plötzlich mitten in meinem immer stärker werdenden Gedankensturm war sie wieder da, die alte Frage: Ist Traurigkeit Sünde? – Da ich mich schon damals mit dem Monatsspruch für März beschäftigt habe, war auch die Antwort schnell zur Stelle. Sie wird sich auch Dir ganz schnell erschließen! Johannes 11,35 ist der kürzeste Vers des Johannesevangeliums. Gerhard Maier übersetzt mit zwei Worten: „Jesus weinte.“ Der Luthertext (1984) geht etwas in die Weite: „Und Jesus gingen die Augen über.“ – Im Hintergrund unseres Monatsspruches steht eine der bewegendsten Geschichten des Neuen Testaments: Lazarus, ein Freund von Jesus, wird krank und stirbt. Zunächst bleibt Jesus dem Geschehen fern. Dann aber geht er zum Grab seines Freundes und erweckt ihn
wieder zum Leben. – Der Tod von Lazarus und seine Folgen gehen emotional nicht spurlos an Jesus vorüber. Als Maria, Lazarus‘ Schwester, Jesus sieht, fällt sie vor ihm nieder und weint. Auch die Landsleute, die Maria begleiten, weinen. Dieses Geschehen berührt Jesus tief. Er „ergrimmte … im Geist und wurde sehr betrübt“ (bzw. „erschüttert“) (Vers 33). Jesus reagiert mit „Grimm“ und mit „Erschütterung“ auf das Geschehen. Gerhard Maier schreibt dazu: „Ist es klar, wem die Erschütterung gilt, nämlich der Not der geliebten Menschen, so muss man fragen: Wem gilt der Grimm? Die Antwort kann nur lauten: Dem Tod. Der Tod ist letztlich nicht ‚Schicksal‘, sondern Gegner Gottes. Es ist der letzte Feind, den Jesus nach 1Kor 15,26 ausschalten wird … So besteht ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen Jesus als Bringer des Lebens und dem Tod. Mit dem Zorn, mit dem er ihn bald besiegen wird, tritt ihm Jesus hier gegenüber.“
Spätestens bei diesem Text ahnen wir, welchen schweren Weg Jesus als Mensch auf dieser Welt gegangen ist. Wie sehr ging ihm die verhängnisvolle Loslösung der Menschheit von Gott mit ihren Konsequenzen Leid, Vergänglichkeit und Trauer ans Herz! Das Bild der am Boden liegenden undweinenden Maria zeigt, wie groß der Betrug des Teufels im Zusammenhang des Sündenfalls war.
Nicht gottgleich und allwissend wurde der Mensch, sondern verletzlich und vergänglich, ein
Spielball von Sünde, Tod und Teufel. – In unserem Monatsspruch bricht die ganze Traurigkeit aus Jesus heraus: „Da weinte Jesus.“ Für „weinen“ steht hier „dakryo“. Anders als das im Vers 31 stehende Wort „klaio“, das auch für das „offizielle“ Weinen – die Totenklage – verwendet wird, kennzeichnet „dakryo“ den tiefen inneren Schmerz, der sich in Tränen Bahn bricht. „Das Weinen Jesu ist ein anderes als das der Totenklage. Seine Tränen entspringen dem vollkommenen Mitleiden mit den Menschen, die er erlösen will, dem Schmerz über die unsägliche Traurigkeit der Menschen in der gegenwärtigen Welt. Noch einmal werden wir daran erinnert, dass Jesus wahrer Mensch ist, nicht nur wahrer Gott. Keines unserer Gefühle ist ihm fremd“ (Gerhard Maier). Jesus Christus ist „wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich“. Die Tränen, die er in unserem Text vergießt, sind die Tränen eines zutiefst trauernden Menschen – und die Tränen des Gottessohnes, der am eigenen Leib erlebt, wie Sünde, Tod und Teufel in der gefallenen Schöpfung den Menschen quälen. So sieht es auch Gerhard Maier, wenn er schreibt: „Dieser Bericht ist deshalb so wichtig, weil er zeigt, wie Gott auf den Tod reagiert. Denn Jesus ist ja nicht nur Mensch, sondern auch Gott.
‚Wer mich sieht‘, sagt er zu Philippus (Joh 14,9), ‚der sieht den Vater.‘ Dass es wirklich göttliche Reaktionen sind, zeigt auch der Ausdruck ‚im Geist‘ (= im Heiligen Geist)“ – (siehe Vers 33). – Der Hebräerbrief berichtet darüber, dass Jesus nicht nur als Retter und Versöhner auf die Welt gekommen ist, sondern auch als „Lernender“. Unter Anderem lernte er Barmherzigkeit: „Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde …“ (Hebr 2,17). Der allmächtige Gottessohn verzichtet auf seine Unverletzlichkeit und Hoheit, wird Mensch unter Menschen, um zu erfahren, was Menschsein bedeutet. Welche Qualen diese „Lebensschule“ Jesus bereitet hat, können wir nur erahnen. – Die Folgen dieser Lebensschule jedoch stehen klar und deutlich in Gottes Wort: Jede Form von Leid, die uns das Leben schwer macht, hat Jesus selbst erlebt und durchlitten. Wenn Du, liebe Schwester, lieber Bruder, Dein Herz vor Jesus ausschüttest, dann kann er Dich verstehen und er wird Dir auf die richtige Art und Weise helfen. „Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde“ (Hebr 4,15). „… doch ohne Sünde“!!! Nun hast Du auch die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Ist Traurigkeit Sünde? Jesus als der einzige sündlose Mensch war oft traurig. Zum Sünder wurde er dadurch nicht. Fazit: Traurigkeit ist keine Sünde!!! – Dennoch ist sie nicht harmlos. Gibt man sich ihr „widerstandslos“ hin, kommt man in Gefahr. Manche „unbehandelte“ Traurigkeit führt in die Sucht oder in den Selbstmord. Deshalb ruft uns der Hebräerbrief dazu auf, auch in schwierigsten Zeiten Hilfe bei Gott zu suchen: „Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben“ (Hebr 4,16). Nochmal: Jesus hat in seiner Lebensschule Barmherzigkeit gelernt. Er wird sie dem nicht vorenthalten, der sie bei IHM sucht.
Schauen wir uns zum Schluss noch an, welche praktische Bedeutung die Aussage „Traurigkeit ist keine Sünde“ für unser Leben hat. Manche sind der Überzeugung, dass der erlöste Christ auch sichtbar erlöst leben muss! Nur so kann der Glaube ihrer Meinung nach missionarisch sein (siehe Nietzsche-Zitat)! Traurigkeit, Anfechtung, Zweifel, Schwäche, gar wiederkehrende Schuld passen zu diesem perfekten Christenleben nicht dazu. – Dieser Meinung waren auch einige Christen in Korinth. Sie lehnten Paulus ab, weil er ihnen zu farblos, zu klein, zu schwach, zu angefochten und zu traurig erschien. Seine „Freudenbotenfüße“ (siehe Jes 52,7) waren ihnen nicht „lieblich“ genug! Ohne Bild: Paulus waren ihnen zu sehr Mensch und zu wenig strahlender Glaubensheld. – Paulus setzt sich im 2. Korintherbrief mit diesen Anschuldigungen auseinander. Der Mittelpunkt seiner Botschaft lautet: Solange wir noch nicht in der Ewigkeit sind, leben wir unser Leben im Spannungsfeld der alten vergehenden Welt und der neuen Welt Gottes. Wir leben „… als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben“ (2Kor 6,9–10). Gotfried Voigt nennt dieses Leben, zu dem leider auch die Traurigkeit dazugehört, ein Leben im Zwielicht: „Zweierlei Licht. Noch müssen wir in Gegensätzen denken. Noch muss also der Glaube im (oft deprimierenden) Sichtbaren das (beglückende) Unsichtbare wahrnehmen … Diese Spannung wollen die Korinther nicht aushalten. Darum vermögen sie auch im Unscheinbaren die noch verborgenen Gotteswunder nicht zu erkennen. So machen sie aus dem Evangelium ein Gesetz: sie verlangen, dass sich das Heil
unmittelbar im Greifbaren darstellt. Sie wollen das Kreuz umgehen und verfehlen damit das Beste, das Gott uns gegeben hat.“
Manchmal fallen die, die besonders fromm sein wollen, am leichtesten auf die Verführungen des Bösen herein. Bei den Korinthern war das der Fall, bei den Pharisäern – und auch wir Frommen des 21. Jahrhunderts stehen in dieser Gefahr. Der „geistliche Perfektionismus“ hat schon viele zu Fall gebracht. Ein Leben ohne Leid und Traurigkeit gibt es auf dieser Erde nicht – auch nicht für Christen. Gerade Christen, die im Licht Gottes leben, nehmen die Dunkelheit dieser Welt schmerzhaft wahr. – Ja, ich habe als Pastor den schönsten Beruf der Welt: Ich darf das Evangelium weitersagen! Aber – dieses helle Evangelium von der Vergebung und dem ewigen Leben zeigt erst, wie dunkel es in unserer heutigen Welt zugeht: physische und psychische Erkrankungen, Streit und Spaltungen, Unversöhnlichkeit, Eheprobleme, massive Anfechtungen etc. Ich bin dem Bruder, der mir zum Geburtstag gratulierte, dankbar dafür, dass er mir zeigte, welche Spuren dieses Leid auch in meinem Gesicht hinterlässt. Jesus ist nicht der Einzige im Neuen Bund, der Tränen vergießt! – Vielleicht würden wir heute viel mehr Menschen mit dem Evangelium erreichen, wenn wir nicht immer als die lächelnden Glaubenshelden dazustehen versuchten, sondern wenn wir einfach das darstellten, was wir wirklich sind: Menschen im Zwielicht von Glaube und Zweifel, Rechtfertigung und Sünde, tätiger Liebe und ohnmächtiger Hilflosigkeit sowie auch im Zwielicht von Freude und
Traurigkeit.
Die ehrliche Geburtstagsgratulation meines Bekannten hat mir gutgetan. Gern gebe ich sie an Dich weiter! Liebe Schwester, lieber Bruder, auch wenn Du gerade keinen Geburtstag hast, wünsche ich Dir ganz viel Freude, wenig Traurigkeit und ein Ja zu Deinem Leben, Dein Gerd Wendrock