Nachgedacht März 2026

Eine Betrach­tung zum Wochen­spruch des Monats März.

“Da wein­te Jesus” Johan­nes 11,35

Lie­be Schwes­ter, lie­ber Bruder,

ist Trau­rig­keit Sün­de? – Wie ich auf die­se „dum­me Fra­ge“ kom­me? Weil sie mir schon oft gestellt wor­den ist! Und weil sie aus bibli­schen Aus­sa­gen her­ge­lei­tet wird. Schreibt nicht der Apos­tel Pau­lus: „Freu­et euch in dem Herrn alle­we­ge, und aber­mals sage ich: Freu­et euch!“ (Phil 4,4; sie­he auch Phil 3,1; 2Kor 13,11; 1Thess 5,16). Und sagt nicht Mar­tin Luther: „Wo Glau­be ist, da ist auch Lachen!“? – Nun könn­te man doch dar­aus schluss­fol­gern: „Wo kein Lachen ist, ist auch kein Glau­be!“ Und wo ich mich nicht „alle­we­ge“ freue, lie­ge ich noch uner­löst in den Fes­seln der Sün­de! – Mir hat ein­mal ein Gemein­de­mit­ar­bei­ter gesagt: „Ich kann mich nicht über mei­nen Glau­ben freu­en. Also ist mein Glau­be nicht echt und ich habe kei­nen Anteil am Heil Got­tes!“ – Du siehst, lie­be Schwes­ter, lie­ber Bru­der, so „dumm“ ist mei­ne Fra­ge nach dem Zusam­men­hang von Trau­rig­keit und Sün­de also gar nicht.

Mich erreich­te die­ses The­ma vor ein paar Wochen auf eine ganz per­sön­li­che Art und Wei­se. Ein Bru­der, des­sen Rat und Mei­nung ich sehr schät­ze, gra­tu­lier­te mir zum Geburts­tag. Er wünsch­te mir „ganz viel Freu­de“ und füg­te hin­zu: „Du siehst manch­mal sehr nach­denk­lich und trau­rig aus.“ – Mit die­ser Gra­tu­la­ti­on lös­te er einen regel­rech­ten Gedan­ken­sturm in mei­nem Kopf aus. Einer­seits freu­te ich mich dar­über, dass hier ein mir nahe­ste­hen­der Mensch nicht nur ober­fläch­lich „Alles Gute“ wünsch­te, son­dern seel­sor­ger­lich und sen­si­bel hin­ter mei­ne „Fas­sa­de“ schau­te. – And­rer­seits frag­te ich mich: Was hast du nur falsch gemacht, dass man dir die „Freu­de des Evan­ge­li­ums“ nicht ansieht? Steht nicht in Jesa­ja 52,7: „Wie lieb­lich sind auf den Ber­gen die Füße der Freu­den­bo­ten, die da Frie­den ver­kün­di­gen, Gutes pre­di­gen, Heil ver­kün­di­gen …“? Und sagt nicht der Phi­lo­soph Fried­rich Nietz­sche über uns Chris­ten: „Bes­se­re Lie­der müss­ten sie mir sin­gen, dass ich an ihren Erlö­ser glau­ben ler­ne: erlös­ter müss­ten mir sei­ne Jün­ger aus­se­hen!“ Sehr oft wird

die­ses Zitat im Zusam­men­hang mit dem The­ma Mis­si­on benutzt. Chris­ten wer­den dazu

auf­ge­ru­fen, fröh­lich und sicht­bar erlöst zu leben, damit man ihnen ansieht, wie  freu­de­brin­gend“ der christ­li­che Glau­be ist. – Sol­cher­art Gedan­ken gin­gen mir nach der Geburts­tags­gra­tu­la­ti­on durch den Kopf. Und ganz plötz­lich mit­ten in mei­nem immer stär­ker wer­den­den Gedan­ken­sturm war sie wie­der da, die alte Fra­ge: Ist Trau­rig­keit Sün­de? – Da ich mich schon damals mit dem Monats­spruch für März beschäf­tigt habe, war auch die Ant­wort schnell zur Stel­le. Sie wird sich auch Dir ganz schnell erschlie­ßen! Johan­nes 11,35 ist der kür­zes­te Vers des Johan­nes­evan­ge­li­ums. Ger­hard Mai­er über­setzt mit zwei Wor­ten: „Jesus wein­te.“ Der Luther­text (1984) geht etwas in die Wei­te: „Und Jesus gin­gen die Augen über.“ – Im Hin­ter­grund unse­res Monats­spru­ches steht eine der bewe­gends­ten Geschich­ten des Neu­en Tes­ta­ments: Laza­rus, ein Freund von Jesus, wird krank und stirbt. Zunächst bleibt Jesus dem Gesche­hen fern. Dann aber geht er zum Grab sei­nes Freun­des und erweckt ihn

wie­der zum Leben. – Der Tod von Laza­rus und sei­ne Fol­gen gehen emo­tio­nal nicht spur­los an Jesus vor­über. Als Maria, Laza­rus‘ Schwes­ter, Jesus sieht, fällt sie vor ihm nie­der und weint. Auch die Lands­leu­te, die Maria beglei­ten, wei­nen. Die­ses Gesche­hen berührt Jesus tief. Er „ergrimm­te … im Geist und wur­de sehr betrübt“ (bzw. „erschüt­tert“) (Vers 33). Jesus reagiert mit „Grimm“ und mit „Erschüt­te­rung“ auf das Gesche­hen. Ger­hard Mai­er schreibt dazu: „Ist es klar, wem die Erschüt­te­rung gilt, näm­lich der Not der gelieb­ten Men­schen, so muss man fra­gen: Wem gilt der Grimm? Die Ant­wort kann nur lau­ten: Dem Tod. Der Tod ist letzt­lich nicht ‚Schick­sal‘, son­dern Geg­ner Got­tes. Es ist der letz­te Feind, den Jesus nach 1Kor 15,26 aus­schal­ten wird … So besteht ein unüber­brück­ba­rer Gegen­satz zwi­schen Jesus als Brin­ger des Lebens und dem Tod. Mit dem Zorn, mit dem er ihn bald besie­gen wird, tritt ihm Jesus hier gegenüber.“

Spä­tes­tens bei die­sem Text ahnen wir, wel­chen schwe­ren Weg Jesus als Mensch auf die­ser Welt gegan­gen ist. Wie sehr ging ihm die ver­häng­nis­vol­le Los­lö­sung der Mensch­heit von Gott mit ihren Kon­se­quen­zen Leid, Ver­gäng­lich­keit und Trau­er ans Herz! Das Bild der am Boden lie­gen­den und­wei­nen­den Maria zeigt, wie groß der Betrug des Teu­fels im Zusam­men­hang des Sün­den­falls war.

Nicht gott­gleich und all­wis­send wur­de der Mensch, son­dern ver­letz­lich und ver­gäng­lich, ein

Spiel­ball von Sün­de, Tod und Teu­fel. – In unse­rem Monats­spruch bricht die gan­ze Trau­rig­keit aus Jesus her­aus: „Da wein­te Jesus.“ Für „wei­nen“ steht hier „dakryo“. Anders als das im Vers 31 ste­hen­de Wort „klaio“, das auch für das „offi­zi­el­le“ Wei­nen – die Toten­kla­ge – ver­wen­det wird, kenn­zeich­net „dakryo“ den tie­fen inne­ren Schmerz, der sich in Trä­nen Bahn bricht. „Das Wei­nen Jesu ist ein ande­res als das der Toten­kla­ge. Sei­ne Trä­nen ent­sprin­gen dem voll­kom­me­nen Mit­lei­den mit den Men­schen, die er erlö­sen will, dem Schmerz über die unsäg­li­che Trau­rig­keit der Men­schen in der gegen­wär­ti­gen Welt. Noch ein­mal wer­den wir dar­an erin­nert, dass Jesus wah­rer Mensch ist, nicht nur wah­rer Gott. Kei­nes unse­rer Gefüh­le ist ihm fremd“ (Ger­hard Mai­er). Jesus Chris­tus ist „wah­rer Mensch und wah­rer Gott zugleich“. Die Trä­nen, die er in unse­rem Text ver­gießt, sind die Trä­nen eines zutiefst trau­ern­den Men­schen – und die Trä­nen des Got­tes­soh­nes, der am eige­nen Leib erlebt, wie Sün­de, Tod und Teu­fel in der gefal­le­nen Schöp­fung den Men­schen quä­len. So sieht es auch Ger­hard Mai­er, wenn er schreibt: „Die­ser Bericht ist des­halb so wich­tig, weil er zeigt, wie Gott auf den Tod reagiert. Denn Jesus ist ja nicht nur Mensch, son­dern auch Gott.

‚Wer mich sieht‘, sagt er zu Phil­ip­pus (Joh 14,9), ‚der sieht den Vater.‘ Dass es wirk­lich gött­li­che Reak­tio­nen sind, zeigt auch der Aus­druck ‚im Geist‘ (= im Hei­li­gen Geist)“ – (sie­he Vers 33). – Der Hebrä­er­brief berich­tet dar­über, dass Jesus nicht nur als Ret­ter und Ver­söh­ner auf die Welt gekom­men ist, son­dern auch als „Ler­nen­der“. Unter Ande­rem lern­te er Barm­her­zig­keit: „Dar­um muss­te er in allem sei­nen Brü­dern gleich wer­den, damit er barm­her­zig wür­de …“ (Hebr 2,17). Der all­mäch­ti­ge Got­tes­sohn ver­zich­tet auf sei­ne Unver­letz­lich­keit und Hoheit, wird Mensch unter Men­schen, um zu erfah­ren, was Mensch­sein bedeu­tet. Wel­che Qua­len die­se „Lebens­schu­le“ Jesus berei­tet hat, kön­nen wir nur erah­nen. – Die Fol­gen die­ser Lebens­schu­le jedoch ste­hen klar und deut­lich in Got­tes Wort: Jede Form von Leid, die uns das Leben schwer macht, hat Jesus selbst erlebt und durch­lit­ten. Wenn Du, lie­be Schwes­ter, lie­ber Bru­der, Dein Herz vor Jesus aus­schüt­test, dann kann er Dich ver­ste­hen und er wird Dir auf die rich­ti­ge Art und Wei­se hel­fen. „Denn wir haben nicht einen Hohen­pries­ter, der nicht könn­te mit lei­den mit unse­rer Schwach­heit, son­dern der ver­sucht wor­den ist in allem wie wir, doch ohne Sün­de“ (Hebr 4,15). „… doch ohne Sün­de“!!! Nun hast Du auch die Ant­wort auf die ein­gangs gestell­te Fra­ge: Ist Trau­rig­keit Sün­de? Jesus als der ein­zi­ge sünd­lo­se Mensch war oft trau­rig. Zum Sün­der wur­de er dadurch nicht. Fazit: Trau­rig­keit ist kei­ne Sün­de!!! – Den­noch ist sie nicht harm­los. Gibt man sich ihr „wider­stands­los“ hin, kommt man in Gefahr. Man­che „unbe­han­del­te“ Trau­rig­keit führt in die Sucht oder in den Selbst­mord. Des­halb ruft uns der Hebrä­er­brief dazu auf, auch in schwie­rigs­ten Zei­ten Hil­fe bei Gott zu suchen: „Dar­um lasst uns hin­zu­tre­ten mit Zuver­sicht zu dem Thron der Gna­de, damit wir Barm­her­zig­keit emp­fan­gen und Gna­de fin­den zu der Zeit, wenn wir Hil­fe nötig haben“ (Hebr 4,16). Noch­mal: Jesus hat in sei­ner  Lebens­schu­le Barm­her­zig­keit gelernt. Er wird sie dem nicht vor­ent­hal­ten, der sie bei IHM sucht.

Schau­en wir uns zum Schluss noch an, wel­che prak­ti­sche Bedeu­tung die Aus­sa­ge „Trau­rig­keit ist kei­ne Sün­de“ für unser Leben hat. Man­che sind der Über­zeu­gung, dass der erlös­te Christ auch sicht­bar erlöst leben muss! Nur so kann der Glau­be ihrer Mei­nung nach mis­sio­na­risch sein (sie­he Nietz­sche-Zitat)! Trau­rig­keit, Anfech­tung, Zwei­fel, Schwä­che, gar wie­der­keh­ren­de Schuld pas­sen zu die­sem per­fek­ten Chris­ten­le­ben nicht dazu. – Die­ser Mei­nung waren auch eini­ge Chris­ten in Korinth. Sie lehn­ten Pau­lus ab, weil er ihnen zu farb­los, zu klein, zu schwach, zu ange­foch­ten und zu trau­rig erschien. Sei­ne „Freu­den­bo­ten­fü­ße“ (sie­he Jes 52,7) waren ihnen nicht „lieb­lich“ genug! Ohne Bild: Pau­lus waren ihnen zu sehr Mensch und zu wenig strah­len­der Glau­bens­held. – Pau­lus setzt sich im 2. Korin­ther­brief mit die­sen Anschul­di­gun­gen aus­ein­an­der. Der Mit­tel­punkt sei­ner Bot­schaft lau­tet: Solan­ge wir noch nicht in der Ewig­keit sind, leben wir unser Leben im Span­nungs­feld der alten ver­ge­hen­den Welt und der neu­en Welt Got­tes. Wir leben „… als die Trau­ri­gen, aber alle­zeit fröh­lich; als die Armen, aber die doch vie­le reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben“ (2Kor 6,9–10). Got­fried Voigt nennt die­ses Leben, zu dem lei­der auch die Trau­rig­keit dazu­ge­hört, ein Leben im Zwie­licht: „Zwei­er­lei Licht. Noch müs­sen wir in Gegen­sät­zen den­ken. Noch muss also der Glau­be im (oft depri­mie­ren­den) Sicht­ba­ren das (beglü­cken­de) Unsicht­ba­re wahr­neh­men … Die­se Span­nung wol­len die Korin­ther nicht aus­hal­ten. Dar­um ver­mö­gen sie auch im Unschein­ba­ren die noch ver­bor­ge­nen Got­tes­wun­der nicht zu erken­nen. So machen sie aus dem Evan­ge­li­um ein Gesetz: sie ver­lan­gen, dass sich das Heil

unmit­tel­bar im Greif­ba­ren dar­stellt. Sie wol­len das Kreuz umge­hen und ver­feh­len damit das Bes­te, das Gott uns gege­ben hat.“

Manch­mal fal­len die, die beson­ders fromm sein wol­len, am leich­tes­ten auf die Ver­füh­run­gen des Bösen her­ein. Bei den Korin­thern war das der Fall, bei den Pha­ri­sä­ern – und auch wir From­men des 21. Jahr­hun­derts ste­hen in die­ser Gefahr. Der „geist­li­che Per­fek­tio­nis­mus“ hat schon vie­le zu Fall gebracht. Ein Leben ohne Leid und Trau­rig­keit gibt es auf die­ser Erde nicht – auch nicht für Chris­ten. Gera­de Chris­ten, die im Licht Got­tes leben, neh­men die Dun­kel­heit die­ser Welt schmerz­haft wahr. – Ja, ich habe als Pas­tor den schöns­ten Beruf der Welt: Ich darf das Evan­ge­li­um wei­ter­sa­gen! Aber – die­ses hel­le Evan­ge­li­um von der Ver­ge­bung und dem ewi­gen Leben zeigt erst, wie dun­kel es in unse­rer heu­ti­gen Welt zugeht: phy­si­sche und psy­chi­sche Erkran­kun­gen, Streit und Spal­tun­gen, Unver­söhn­lich­keit, Ehe­pro­ble­me, mas­si­ve Anfech­tun­gen etc. Ich bin dem Bru­der, der mir zum Geburts­tag gra­tu­lier­te, dank­bar dafür, dass er mir zeig­te, wel­che Spu­ren die­ses Leid auch in mei­nem Gesicht hin­ter­lässt. Jesus ist nicht der Ein­zi­ge im Neu­en Bund, der Trä­nen ver­gießt! – Viel­leicht wür­den wir heu­te viel mehr Men­schen mit dem Evan­ge­li­um errei­chen, wenn wir nicht immer als die lächeln­den Glau­bens­hel­den dazu­ste­hen ver­such­ten, son­dern wenn wir ein­fach das dar­stell­ten, was wir wirk­lich sind: Men­schen im Zwie­licht von Glau­be und Zwei­fel, Recht­fer­ti­gung und Sün­de, täti­ger Lie­be und ohn­mäch­ti­ger Hilf­lo­sig­keit sowie auch im Zwie­licht von Freu­de und

Trau­rig­keit.

Die ehr­li­che Geburts­tags­gra­tu­la­ti­on mei­nes Bekann­ten hat mir gut­ge­tan. Gern gebe ich sie an Dich wei­ter! Lie­be Schwes­ter, lie­ber Bru­der, auch wenn Du gera­de kei­nen Geburts­tag hast, wün­sche ich Dir ganz viel Freu­de, wenig Trau­rig­keit und ein Ja zu Dei­nem Leben, Dein Gerd Wendrock

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