Nachgedacht September 2026

Eine Betrach­tung des Monats­spru­ches Sep­tem­ber 2026


“Bes­ser eine Hand voll mit Ruhe
als bei­de Fäus­te voll mit Mühe und Haschen nach Wind.”
(Pre­di­ger 4,6)
von Hart­wig Schult aus Freiberg


Unser Bibel­wort erin­nert mich an die soge­nann­te „Work-Life-Balan­ce“, von der heu­te oft die Rede
ist. Micha­el Page, Grün­der einer Per­so­nal­be­ra­tungs- und Per­so­nal­ver­mitt­lungs­ge­sell­schaft,
defi­niert „Work-Life-Balan­ce“ fol­gen­der­ma­ßen: „Dabei geht es um ein aus­ge­wo­ge­nes Ver­hält­nis
zwi­schen beruf­li­chen Ver­pflich­tun­gen und pri­va­ten Bedürf­nis­sen. Ziel ist es, genug Zeit und
Ener­gie für Arbeit, Fami­lie, Frei­zeit und Erho­lung zu haben, ohne dass ein Bereich den ande­ren
über­mä­ßig beein­träch­tigt.“
Heu­te sagen vie­le Men­schen: „Aber ich bin doch nicht auf der Welt, nur um zu arbei­ten!“ Der
1966 ver­stor­be­ne Esse­ner Pas­tor Wil­helm Busch berich­tet davon, in einer Todes­an­zei­ge fol­gen­den
Nach­ruf gele­sen zu haben: „Nur Arbeit war dein Leben; nie dach­test du an dich. Nur für die Dei­nen
stre­ben, war dei­ne höchs­te Pflicht.“ Er meint dazu, dass dies eine Todes­an­zei­ge für ein Pferd wäre,
aber nicht für einen Men­schen! Ein deut­li­ches Wort! Das heißt natür­lich nicht, dass wir nicht mehr
arbei­ten und uns mühen sol­len. Wir brau­chen aber auch einen Aus­gleich, um wie­der auf­zu­tan­ken
und um die Arbeit mit neu­er Moti­va­ti­on und neu­em Schwung ange­hen zu kön­nen. Die­sen
Aus­gleich dür­fen wir nicht außer Acht las­sen. – Ein jun­ger ame­ri­ka­ni­scher Pas­tor ver­ab­re­de­te sich
mit einem älte­ren und erfah­re­nen Kol­le­gen zum Golf­spiel. Dabei frag­te der Jün­ge­re den Älte­ren:
„Was ist der bes­te Rat, den du mir als einem jun­gen Pas­tor geben kannst?“ Der Älte­re ant­wor­te­te:
„Du hast einen wirk­lich guten Golf­schwung. Mein Rat: Nimm ein paar Trai­ner­stun­den und egal,
was es kos­tet – wer­de Mit­glied in einem Golf­club.“ Der Jün­ge­re hat­te mit einer ganz ande­ren
Ant­wort gerech­net. Heu­te weiß er, das war ein guter Rat! – „Fin­de her­aus, was dir Freu­de macht
und tu es. Wenn du ein Hob­by hast, übe es aus. Wenn du gern über Floh­märk­te wan­derst, dann tu
das. Wenn du gern im Gar­ten arbei­test, wan­derst, Fahr­rad fährst, Brief­mar­ken sam­melst, Musik
machst, Hand­ar­bei­ten machst oder angeln gehst – ein­fach machen und genie­ßen. Du wur­dest
nicht dafür geschaf­fen, nur zu ackern, ackern, ackern“ (Pas­tor Bayl­ess Con­ley).
Der Pre­di­ger Salo­mo ent­deckt, dass bei vie­len Men­schen der Hin­ter­grund ihres Mühens, Machens
und Tuns aus Eifer­sucht und Neid besteht. Die­se Men­schen wol­len ande­re in den Schat­ten stel­len
oder sogar Neid und Eifer­sucht bei ihnen wecken. Kon­kur­renz­kämp­fe toben und machen das
Leben zur Höl­le. Salo­mo schreibt: „Auch das habe ich gese­hen: Da pla­gen sich die Men­schen und
set­zen alle ihre Fähig­kei­ten ein, um sich gegen­sei­tig aus­zu­ste­chen. Auch das ist ver­geb­li­che Mühe
und Jagd nach Wind. Letz­ten Endes kommt nichts dabei her­aus“ (Pre­di­ger 4,4; nach GNB). – Nun
kann man aber auch auf der ande­ren Sei­te vom Pferd fal­len. Der, der gar nichts macht, ver­hun­gert
am Ende: „Der Unbe­lehr­ba­re legt sei­ne Hän­de in den Schoß – und ver­hun­gert“ (Pre­di­ger 4,5; nach
GNB). Das Leben ist nicht nur Par­ty!
Zwi­schen den bei­den Extre­men „Zuviel“ und „Zuwe­nig“ bie­tet Salo­mo eine gute Alter­na­ti­ve an:
Unse­ren Monats­spruch! Er ist von dem, der bis zum „geht nicht mehr“ arbei­tet, genau­so weit
ent­fernt wie von dem, der „nichts macht.“
„Eine Hand voll mit Ruhe“: In eine geöff­ne­te Hand kann man etwas hin­ein­le­gen – etwas, das der
Mensch braucht. Jesus sagt in sei­nem „Hei­lands­ruf“: „… ich will euch erqui­cken“ (Mt 11,28). Das
bedeu­tet: „Ich will euch Ruhe geben!“ oder „Ich will euch zur Ruhe brin­gen!“ Gast­stät­ten und
Fri­seu­re haben ein­mal in der Woche einen Ruhe­tag. Markt­wirt­schaft­lich gese­hen stellt sich die
Fra­ge: Ist das sinn­voll? Man könn­te doch mehr her­aus­ho­len, wenn man den Ruhe­tag weg­lässt.
Oder? Salo­mo lädt uns dazu ein, den Sinn von Arbeit und Erho­lung wie­der neu zu ent­de­cken.
Die­je­ni­gen, die mit einer „Hand voll mit Ruhe“ zufrie­den sind, jagen nicht mit, um immer die
Bes­ten zu sein, sind aber auch nicht pas­siv. Das deut­sche Wort für „Stress“ lau­tet „Anspan­nung.“
Man­che Arbei­ten sind nur dann mög­lich, wenn man hoch kon­zen­triert und „ange­spannt“ ist. Der
Mensch braucht aber auch „Ent­span­nung“, um wie­der „gespannt“ sein zu kön­nen. Bei der Sport­art
Bogen­schie­ßen hängt der Sport­ler nach dem Trai­ning oder dem Wett­kampf die Bogen­seh­ne aus.
Wenn er das nicht macht, lei­ert die Seh­ne mit der Zeit aus. Ent­span­nung bringt dem Men­schen
mehr, als wenn er end­los wie ein Beses­se­ner arbei­tet. Die „Hand voll mit Ruhe“ drückt zwei
Gedan­ken aus: die der beschei­de­nen Wün­sche und die des inne­ren Frie­dens.
„Bei­de Fäus­te voll mit Mühe“: In geball­te Fäus­te lässt sich nichts hin­ein­le­gen. Sie sind geschlos­sen
oder am Machen und Tun. Die­se Fäus­te sind ein Bild für die­je­ni­gen, die immer nach dem Bes­ten
und Höchs­ten jagen. Eine sol­che Jagd ist das­sel­be wie „Haschen nach Wind“. Man kann nichts
fest­hal­ten. Noch etwas hat Salo­mo beob­ach­tet: Da hat jemand kei­ne Geschwis­ter und kei­ne
Fami­lie. Trotz­dem arbei­tet er immer wei­ter, weil ihm sein bis­he­ri­ger Besitz und Reich­tum noch
nicht aus­rei­chen. Aber für wen macht er das? Er selbst ver­sagt sich dabei jede Freu­de und jeden
Genuss. Auch das nennt Salo­mo „nich­tig“ und ein „böses Geschäft“ (sie­he Pre­di­ger 4,7f).
Ich habe kürz­lich einen Spruch gezo­gen: „80% rei­chen auch aus.“ Dem wür­de der Bun­des­trai­ner
der Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft wohl nicht zustim­men. Bei der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft wur­de
gesagt: „Wenn nicht jeder Spie­ler 100% sei­nes Leis­tungs­ver­mö­gens abruft, wer­den wir gegen die
star­ken Mann­schaf­ten nicht gewin­nen kön­nen!“ – Ich mei­ne nicht, dass wir nach­läs­si­ger arbei­ten
sol­len. Wir kön­nen aber auch nicht täg­lich bis ans Limit unse­rer Kraft oder sogar dar­über hin­aus
gehen. Das über­for­dert uns. Ich mei­ne, dass wir die Arbeit mit einem guten Gewis­sen begren­zen
kön­nen, damit wir durch­hal­ten. Manch­mal ist weni­ger mehr.
Unser Monats­spruch und die Ver­se drum­her­um erschei­nen auf den ers­ten Blick recht
pes­si­mis­tisch. Salo­mo beob­ach­tet das Leben nüch­tern. Wenn sich für uns man­che Aus­sa­gen des
Tex­tes zunächst fremd und unpas­send anhö­ren, kann es dar­an lie­gen, dass wir eini­ge Wahr­hei­ten
aus dem Blick ver­lo­ren haben, weil wir sie nicht mehr beden­ken oder nicht mehr prak­ti­zie­ren.
Vie­le ver­tre­ten den Stand­punkt, wir sei­en heu­te klü­ger als die Men­schen zur Zeit der Bibel.
Jemand sag­te kürz­lich: „Wir sind heu­te auf­ge­klärt. Mit sowas wie der Bibel kann man uns heu­te
nicht mehr kom­men.“ Im Wes­ten Euro­pas (u.a. Frank­reich und Eng­land) taucht aber auch das
Gegen­teil auf. Da ist eine jun­ge Gene­ra­ti­on nicht mehr zufrie­den mit den Ant­wor­ten, die sie auf
ihre Fra­gen bekom­men. Die Fol­ge ist: Sie begin­nen sich für den christ­li­chen Glau­ben zu
inter­es­sie­ren.
Der Pre­di­ger Salo­mo beob­ach­tet den All­tag und das Ver­hal­ten der Men­schen und zieht dar­aus
Schlüs­se. Das sind ratio­na­le (ver­nünf­ti­ge, zweck­mä­ßi­ge und logi­sche) Argu­men­te, die er ins Feld
führt. Er fragt: Wel­chen Gewinn hat ein Mensch von all sei­ner Müh­sal? Der „Gewinn“ ist das, was
nach Abzug aller Kos­ten übrig­bleibt. Die gro­ße Fra­ge lau­tet also, ob ein Mensch sich einen
blei­ben­den Wert in der Welt „unter der Son­ne“ erar­bei­ten kann? Salo­mos Ant­wort ist ein kla­res
„Nein!“ Des­halb möch­te er die Men­schen dazu bewe­gen, ihr Ver­trau­en allein auf den Schöp­fer zu
set­zen. „Jemand schreibt: Arbeit kann erfül­lend sein. Ich möch­te mei­ne Arbeit als Leh­rer für
behin­der­te Kin­der nicht mis­sen und ich bin Gott dank­bar, dass er mir die­se Arbeit gege­ben hat.
Trotz­dem muss ich und müsst sicher­lich auch ihr auf­pas­sen, dass es nicht zu viel wird. Mehr geht
immer. Das nennt man dann etwas sub­til zusätz­li­ches sozia­les Enga­ge­ment. Da müs­sen wir ler­nen
STOPP zu sagen. Es muss auch Zeit für die Fami­lie und für Freun­de da sein, Zeit für Muße und
Erho­lung, Zeit für mich. Es geht dar­um zu arbei­ten, aber in Maßen. Wir sol­len uns Zeit neh­men,
um auch die ande­ren Gaben zu genie­ßen, die Gott uns gege­ben hat. Gott gönn­te sich Ruhe,
nach­dem er sechs Tage gear­bei­tet hat­te – und die Welt brach nicht zusam­men. Was gibt uns
Grund zu mei­nen, sie wür­de zusam­men­bre­chen, wenn wir uns aus­ru­hen?“ (Max Luca­do).
„Der Jam­mer des­sen, der bei­de Fäus­te voll hat, ist die Sucht nach Mehr und das Benei­den derer,
die mehr haben. Dem gegen­über ist zu prei­sen die Ruhe des­sen, der zwar nur eine Hand voll hat,
aus der Hand in den Mund leben muss, sich aber bei sei­ner flei­ßi­gen Arbeit um das täg­li­che Brot
das Leben nicht ver­bit­tert durch die wil­de Jagd nach den Gütern die­ser Welt. Denn wir haben
nichts in die Welt gebracht, dar­um offen­bar ist, wir wer­den auch nichts hin­aus­brin­gen“ (Emil
Quandt). – Salo­mo zeigt uns in sei­nen Schrif­ten einen guten Weg: „Ich bin zu der Erkennt­nis
gekom­men: Das Bes­te, was der Mensch tun kann, ist, sich zu freu­en und sein Leben zu genie­ßen,
solan­ge er es hat. Wenn er aber zu essen und zu trin­ken hat und genie­ßen kann, was er sich
erar­bei­tet hat, dann ver­dankt er das der Güte Got­tes“ (Pre­di­ger 3,12–13).
Gott will, dass unser Leben gelingt. Er will bei­des seg­nen: unse­re Arbeit, aber auch unse­re
Erho­lung. Jesus sagt im Neu­en Tes­ta­ment: „Ich bin gekom­men, damit sie das Leben haben und es
in Fül­le haben“ (Joh 10,10; Monats­spruch August 2026). Gott ist nicht klein­lich. Arbeit und Ruhe
kön­nen wir noch ein­mal bes­ser genie­ßen durch die Ver­bin­dung mit Gott. Bei­des ist eine Gabe
Got­tes und bei­des brau­chen wir und zwar in einer guten Balan­ce. Gott weiß, wie das geht. Er
kennt sich damit aus!
Gott seg­ne Euch bei allem Tun und Las­sen, Eure Hart­wig Schult und Gerd Wendrock

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