Nachgedacht Juni 2026

Eine Betrach­tung zum Wochen­spruch des Monats Juni

Denkt an die Gefan­ge­nen, als wäret ihr mit­ge­fan­gen; denkt an die Miss­han­del­ten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdi­schen Leib!
(Hebrä­er 13,3)

Lie­be Schwes­ter, lie­ber Bru­der,
warst Du schon ein­mal im Gefäng­nis? Nein?! Ich schon! Aber, kei­ne Angst: Ich „saß“ nicht im Gefäng­nis, ich „gas­tier­te“ nur im Gefäng­nis. Und das auch nur für ein paar Stun­den, zum Kon­vent. Der Gefäng­nis­seel­sor­ger in Zeit­hain hat­te uns ein­ge­la­den. Und – wo kann ein Kon­vent, bei dem es um Gefäng­nis­seel­sor­ge geht, lehr­rei­cher und aus­sa­ge­fä­hi­ger sein als im Gefäng­nis? Nirgendwo!

Die­ser Gefäng­nis­be­such hat sich tief in mein Gedächt­nis ein­ge­gra­ben. Am Ein­gang muss­te ich Han­dy und Per­so­nal­aus­weis abge­ben, so wie alle ande­ren Kon­vent­teil­neh­mer auch. Dann führ­te uns der Weg in die Tie­fe des Gefäng­nis­ses hin­ein. Immer wie­der wur­den Git­ter­tü­ren vor uns
geöff­net. Immer wie­der fie­len sie hin­ter uns mit einem har­ten, metal­li­schen Klang ins Schloss. Jedes Mal zuck­te ich zusam­men. Ich wuss­te, dass ich nach ca. 3 Stun­den wie­der nach Hau­se gehen kann. Unwill­kür­lich stell­te ich mir vor, was ich wohl bei die­sem Geräusch der Git­ter­tü­ren füh­len wür­de, wenn ich für ein paar Jah­re ins Gefäng­nis müsste!

Unser Monats­spruch für Juni steht im Hebrä­er­brief. Als die­ser Brief geschrie­ben wur­de, war das Risi­ko für einen Chris­ten hoch, ins Gefäng­nis gewor­fen zu wer­den. Christ­sein kos­te­te etwas – manch­mal sogar das Leben. Das christ­li­che Bekennt­nis zu dem einen Gott und Hei­land stand im
kras­sen Wider­spruch zum Viel­göt­ter­glau­ben der Anti­ke. Ganz schlimm wur­de es, als sich der Kai­ser in Rom als Gott ver­eh­ren und anbe­ten ließ. Chris­ten, die die­se heid­ni­sche Anbe­tung nicht mit­mach­ten, wur­den ver­folgt, ins Gefäng­nis gesteckt oder grau­sam ermordet.

Jesus hat­te in sei­nen End­zeit­re­den gesagt, dass Zei­ten der Ver­fol­gung kom­men wer­den. Nun war es soweit. Für die christ­li­chen Gemein­den stell­te sich die Fra­ge, wie sie mit die­ser Situa­ti­on umge­hen soll­ten. Da Jesus das Gebot der Lie­be zum „höchs­ten Gebot“ erklärt hat­te (Mt 22,34–40),
war es für die Gemein­den klar, dass sie in Lie­be ihren ein­ge­ker­ker­ten Glau­bens­ge­schwis­tern bei­ste­hen müs­sen. Prof. Johan­nes Schnei­der schreibt zu unse­rem Monats­spruch: „In Vers 3 wird auf eine ande­re Form der Lie­bes­übung hin­ge­wie­sen. In Zei­ten der Bedräng­nis und Ver­fol­gung gibt
es Chris­ten, die um ihres Glau­bens wil­len gefan­gen­ge­setzt und miss­han­delt wer­den. Dann muss die Bru­der­schaft so wirk­sam wer­den, dass das Schick­sal der Lei­den­den von allen mit­ge­tra­gen wird. Das Leid des Bru­ders soll unser eige­nes Leid wer­den. Es gibt in der Gemein­de Jesus Chris­ti kein Son­der­schick­sal. Jeder ist an dem, was der ande­re an Leib und See­le durch­zu­ma­chen hat, auf das Stärks­te beteiligt.“

Ein Satz die­ser Aus­le­gung hat mich tief bewegt: „Das Leid des Bru­ders soll unser eige­nes Leid wer­den.“ Ein hoher Anspruch! Ich erle­be gera­de wie­der in mei­nem Seel­sor­ge­dienst eine Zeit, in der ich mit viel Leid und Not von Glau­bens­ge­schwis­tern kon­fron­tiert wer­de. – Wie läuft ein
Seel­sor­ge­ge­spräch ab? Der Betrof­fe­ne spricht über sein Pro­blem. Ich höre zu, ver­su­che, zu trös­ten, und gemein­sam betrach­ten wir die Situa­ti­on im Licht des Evan­ge­li­ums. Oft spre­chen wir zum Abschluss ein Gebet. Gehen wir aus­ein­an­der, stel­len sich bei mir Fra­gen ein: Konn­te ich hel­fen?
Geht der Betrof­fe­ne getrös­tet oder wenigs­tens ermu­tigt nach Hau­se? Wie wird sich die Situa­ti­on wei­ter­ent­wi­ckeln? Und die ent­schei­den­de Fra­ge: Was ist Got­tes Wil­le? – Ich erle­be, dass ich das Gehör­te manch­mal gut an Gott abge­ben kann, manch­mal aber bleibt es noch lan­ge Mit­tel­punkt
mei­ner Gedan­ken. Wahr­schein­lich kann es gar nicht anders sein, wenn – nach Johan­nes Schnei­der – das Leid des Bru­ders bzw. der Schwes­ter mein „eige­nes Leid“ wird! Hier zeigt sich ganz prak­tisch, dass Chris­ten nicht nur die glei­chen Glau­bens­vor­stel­lun­gen haben, son­dern dass sie aufs Engs­te mit­ein­an­der ver­bun­den sind: Sie sind gemein­sam leben­di­ge Stei­ne im Haus Got­tes, Scha­fe in der Her­de des Guten Hir­ten, Reben am Wein­stock und Glie­der am Leib Chris­ti! Dabei gilt: „Wenn ein Glied lei­det, so lei­den alle Glie­der mit …“ (1Kor 12,26)!

Bin ich mit mei­nen Gedan­ken eigent­lich noch beim Monats­spruch? Selbst­ver­ständ­lich! Man muss nicht hin­ter Git­tern sit­zen, um „gefan­gen“ zu sein. Gefan­gen­schaf­ten, die uns die Frei­heit rau­ben, gibt es vie­le: Süch­te, Abhän­gig­kei­ten, Bin­dun­gen, aber auch die Beschwer­den des Alterns, psy­chi­sche und phy­si­sche Pro­ble­me und in zuneh­men­der Wei­se quer durch alle Gene­ra­tio­nen die Ein­sam­keit! – Eine ganz nor­ma­le Schutz­re­ak­ti­on des davon nicht Betrof­fe­nen besteht dar­in, sei­ne Augen und Ohren vor die­sen Gefan­gen­schaf­ten zu ver­schlie­ßen. Ich habe noch einen Spruch im Ohr, den ich als Schü­ler in mei­ner Schul­klas­se oft gehört habe: „Was geht mich frem­des Elend an?!“ Jeder steht für sich allein! Könn­te es sein, dass die­se Posi­ti­on heu­te immer mehr in die Mit­te unse­rer Gesell­schaft rückt? Wenn es an dem ist, dann fin­den wir in Got­tes Wort das Kon­trast­pro­gramm dazu: Das Elend des Ande­ren geht Dich sehr wohl etwas an. Er ist ein Mensch genau wie Du! In unse­rem Monats­spruch fin­den wir eine Bemer­kung, die deut­lich macht, dass von vorn her­ein auch unter Chris­ten Soli­da­ri­tät und gegen­sei­ti­ge Hil­fe nicht selbst­ver­ständ­lich sind: „… denn auch ihr lebt noch in eurem irdi­schen Leib!“ Was heißt das? Das heißt: Wenn das Leid heu­te Dei­ne Schwes­ter oder Dei­nen Bru­der in der Gemein­de getrof­fen hat, dann kannst Du nicht ein­fach sagen: „Das betrifft mich doch nicht!“ – Was Dei­nen Nächs­ten heu­te trifft, kann mor­gen Dich tref­fen. Du lebst genau­so wie Dein Nächs­ter noch in einem schwa­chen, ver­letz­ba­ren und ver­gäng­li­chen Leib. Also, ver­schlie­ße Dei­ne Augen und Ohren nicht vor dem Leid des Ande­ren, son­dern hilf!!!

Die­se Hil­fe, die so viel bewir­ken kann, muss gar nicht schwer sein: Ein Besuch am Nach­mit­tag befreit den Ein­sa­men für zwei Stun­den von sei­ner Ein­sam­keit. Den Kran­ken zum Arzt zu fah­ren, der auf­grund einer Augen-OP gera­de nicht selbst fah­ren kann, ist eine Rie­sen­hil­fe für den
Betrof­fe­nen. Der Alt­ge­wor­de­ne, der nicht mehr sel­ber mit dem Bus zum Super­markt fah­ren kann, freut sich, wenn er zum Ein­kauf mit­ge­nom­men wird und selbst in aller Frei­heit ent­schei­den kann, was er kauft. – Eine klei­ne Hil­fe kann star­ke Gefan­gen­schaf­ten auf­bre­chen und eine gro­ße Frei­heit schen­ken! Zuge­ge­ben, nicht immer ist die Hil­fe für einen „Gefan­ge­nen“ so ein­fach zu bewir­ken: Der psy­chisch kran­ke Mensch braucht die pro­fes­sio­nel­le Hil­fe eines geschul­ten The­ra­peu­ten. Der Alko­hol­ab­hän­gi­ge braucht einen erfah­re­nen Hel­fer, der ihm ziel­ge­rich­tet bei­ste­hen kann. Der schul­dig Gewor­de­ne braucht die Frei­spre­chung durch Got­tes Wort. Ja, es gibt pro­ble­ma­ti­sche Gefan­gen­schaf­ten. Es gibt aber auch vie­le Hilfs­an­ge­bo­te. Bei Süch­ten hilft das „Blaue Kreuz“. Bei sexu­el­len Pro­ble­men kann man sich an das „Wei­ße Kreuz“ wen­den. Für die Los­spre­chung von Schuld gibt es „geist­li­chen Bei­stand“: die Seel­sor­ge, das Beicht­ge­bet und die Absolution! 

Übri­gens – die schlimms­ten Gefan­gen­schaf­ten unse­res Lebens: Sün­de, Tod und Teu­fel, die hat Jesus durch sei­nen Tod am Kreuz und durch sei­ne Auf­er­ste­hung über­wun­den. Seit­dem ist der christ­li­che Glau­be der Weg in die Frei­heit des ewi­gen Lebens. Dabei gilt: „Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirk­lich frei“ (Joh 8,36)!

Und wie hilft man dem, der wirk­lich „leib­haf­tig“ im Gefäng­nis sitzt? Die im Brot ein­ge­ba­cke­ne Fei­le, mit der sich der Gefan­ge­ne selbst befrei­en kann, ist wohl nicht gera­de die rich­ti­ge Hil­fe! Man­che Last, auch die Last einer Haft­stra­fe, muss bis zum Ende getra­gen wer­den! – Aber auch hier
ist Hil­fe mög­lich! In der Ent­ste­hungs­zeit unse­res Monats­spru­ches konn­ten in der Regel die gefan­ge­nen Chris­ten von ihren Glau­bens­ge­schwis­tern besucht wer­den. Die brach­ten wohl kaum eine Fei­le mit, dafür aber Lie­be, Geduld, Freund­lich­keit und man­ches auf­mun­tern­de Wort. Pau­lus
erleb­te es als sehr wohl­tu­end, wenn er bei sei­nen vie­len Gefäng­nis­auf­ent­hal­ten von Schwes­tern und Brü­dern besucht wur­de (sie­he Phi­le­mon-Brief u.a.).

Und heu­te? Heu­te ist auf dem Gebiet der Gefäng­nis­seel­sor­ge vie­les mög­lich! Ich habe in Rie­sa eine ehren­amt­li­che Gefäng­nis­seel­sor­ge­rin ken­nen­ge­lernt, die mit ganz viel Lie­be, Opti­mis­mus und Glau­bens­mut für Gefan­ge­ne ein­trat. Häu­fig war die­se Beglei­tung mit der Ent­las­sung aus dem Gefäng­nis nicht zu Ende. Häu­fig wur­de die Seel­sor­ge­rin aber auch ent­täuscht, wenn die Ent­las­se­nen nach kur­zer Zeit in der Frei­heit ganz schnell wie­der auf die „schie­fe Bahn“ kamen und erneut „ein­rü­cken“ muss­ten. Trotz­dem ließ sie den Mut nicht sin­ken, son­dern gab Got­tes gro­ße
Lie­be in Rat und Tat an die Gefan­ge­nen weiter! 

Lie­be Schwes­ter, lie­ber Bru­der, ich bin mir sicher, dass Du irgend­ei­nen Men­schen kennst, der gera­de auf beson­de­re Wei­se – wovon auch immer – „gefan­gen“ ist. Nimm all Dei­nen Mut zusam­men, ver­traue Dich Gott an und ver­su­che, mit dem „Rücken­wind des Evan­ge­li­ums“ die­sem Gefan­ge­nen bei­zu­ste­hen. Ja, ich gebe es zu, Du kannst dabei bit­ter ent­täuscht wer­den. Du kannst aber auch erle­ben, dass Dei­ne Hil­fe greift und dass der „Gefan­ge­ne“ getrös­tet, ermu­tigt oder sogar befreit wird! Ist die­ser Hoff­nungs­schim­mer nicht einen Ver­such der Hil­fe wert?

Gott seg­ne Dich, Dein Gerd Wendrock

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