Eine Betrachtung zum Wochenspruch des Monats Juni
Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!
(Hebräer 13,3)
Liebe Schwester, lieber Bruder,
warst Du schon einmal im Gefängnis? Nein?! Ich schon! Aber, keine Angst: Ich „saß“ nicht im Gefängnis, ich „gastierte“ nur im Gefängnis. Und das auch nur für ein paar Stunden, zum Konvent. Der Gefängnisseelsorger in Zeithain hatte uns eingeladen. Und – wo kann ein Konvent, bei dem es um Gefängnisseelsorge geht, lehrreicher und aussagefähiger sein als im Gefängnis? Nirgendwo!
Dieser Gefängnisbesuch hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Am Eingang musste ich Handy und Personalausweis abgeben, so wie alle anderen Konventteilnehmer auch. Dann führte uns der Weg in die Tiefe des Gefängnisses hinein. Immer wieder wurden Gittertüren vor uns
geöffnet. Immer wieder fielen sie hinter uns mit einem harten, metallischen Klang ins Schloss. Jedes Mal zuckte ich zusammen. Ich wusste, dass ich nach ca. 3 Stunden wieder nach Hause gehen kann. Unwillkürlich stellte ich mir vor, was ich wohl bei diesem Geräusch der Gittertüren fühlen würde, wenn ich für ein paar Jahre ins Gefängnis müsste!
Unser Monatsspruch für Juni steht im Hebräerbrief. Als dieser Brief geschrieben wurde, war das Risiko für einen Christen hoch, ins Gefängnis geworfen zu werden. Christsein kostete etwas – manchmal sogar das Leben. Das christliche Bekenntnis zu dem einen Gott und Heiland stand im
krassen Widerspruch zum Vielgötterglauben der Antike. Ganz schlimm wurde es, als sich der Kaiser in Rom als Gott verehren und anbeten ließ. Christen, die diese heidnische Anbetung nicht mitmachten, wurden verfolgt, ins Gefängnis gesteckt oder grausam ermordet.
Jesus hatte in seinen Endzeitreden gesagt, dass Zeiten der Verfolgung kommen werden. Nun war es soweit. Für die christlichen Gemeinden stellte sich die Frage, wie sie mit dieser Situation umgehen sollten. Da Jesus das Gebot der Liebe zum „höchsten Gebot“ erklärt hatte (Mt 22,34–40),
war es für die Gemeinden klar, dass sie in Liebe ihren eingekerkerten Glaubensgeschwistern beistehen müssen. Prof. Johannes Schneider schreibt zu unserem Monatsspruch: „In Vers 3 wird auf eine andere Form der Liebesübung hingewiesen. In Zeiten der Bedrängnis und Verfolgung gibt
es Christen, die um ihres Glaubens willen gefangengesetzt und misshandelt werden. Dann muss die Bruderschaft so wirksam werden, dass das Schicksal der Leidenden von allen mitgetragen wird. Das Leid des Bruders soll unser eigenes Leid werden. Es gibt in der Gemeinde Jesus Christi kein Sonderschicksal. Jeder ist an dem, was der andere an Leib und Seele durchzumachen hat, auf das Stärkste beteiligt.“
Ein Satz dieser Auslegung hat mich tief bewegt: „Das Leid des Bruders soll unser eigenes Leid werden.“ Ein hoher Anspruch! Ich erlebe gerade wieder in meinem Seelsorgedienst eine Zeit, in der ich mit viel Leid und Not von Glaubensgeschwistern konfrontiert werde. – Wie läuft ein
Seelsorgegespräch ab? Der Betroffene spricht über sein Problem. Ich höre zu, versuche, zu trösten, und gemeinsam betrachten wir die Situation im Licht des Evangeliums. Oft sprechen wir zum Abschluss ein Gebet. Gehen wir auseinander, stellen sich bei mir Fragen ein: Konnte ich helfen?
Geht der Betroffene getröstet oder wenigstens ermutigt nach Hause? Wie wird sich die Situation weiterentwickeln? Und die entscheidende Frage: Was ist Gottes Wille? – Ich erlebe, dass ich das Gehörte manchmal gut an Gott abgeben kann, manchmal aber bleibt es noch lange Mittelpunkt
meiner Gedanken. Wahrscheinlich kann es gar nicht anders sein, wenn – nach Johannes Schneider – das Leid des Bruders bzw. der Schwester mein „eigenes Leid“ wird! Hier zeigt sich ganz praktisch, dass Christen nicht nur die gleichen Glaubensvorstellungen haben, sondern dass sie aufs Engste miteinander verbunden sind: Sie sind gemeinsam lebendige Steine im Haus Gottes, Schafe in der Herde des Guten Hirten, Reben am Weinstock und Glieder am Leib Christi! Dabei gilt: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit …“ (1Kor 12,26)!
Bin ich mit meinen Gedanken eigentlich noch beim Monatsspruch? Selbstverständlich! Man muss nicht hinter Gittern sitzen, um „gefangen“ zu sein. Gefangenschaften, die uns die Freiheit rauben, gibt es viele: Süchte, Abhängigkeiten, Bindungen, aber auch die Beschwerden des Alterns, psychische und physische Probleme und in zunehmender Weise quer durch alle Generationen die Einsamkeit! – Eine ganz normale Schutzreaktion des davon nicht Betroffenen besteht darin, seine Augen und Ohren vor diesen Gefangenschaften zu verschließen. Ich habe noch einen Spruch im Ohr, den ich als Schüler in meiner Schulklasse oft gehört habe: „Was geht mich fremdes Elend an?!“ Jeder steht für sich allein! Könnte es sein, dass diese Position heute immer mehr in die Mitte unserer Gesellschaft rückt? Wenn es an dem ist, dann finden wir in Gottes Wort das Kontrastprogramm dazu: Das Elend des Anderen geht Dich sehr wohl etwas an. Er ist ein Mensch genau wie Du! In unserem Monatsspruch finden wir eine Bemerkung, die deutlich macht, dass von vorn herein auch unter Christen Solidarität und gegenseitige Hilfe nicht selbstverständlich sind: „… denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!“ Was heißt das? Das heißt: Wenn das Leid heute Deine Schwester oder Deinen Bruder in der Gemeinde getroffen hat, dann kannst Du nicht einfach sagen: „Das betrifft mich doch nicht!“ – Was Deinen Nächsten heute trifft, kann morgen Dich treffen. Du lebst genauso wie Dein Nächster noch in einem schwachen, verletzbaren und vergänglichen Leib. Also, verschließe Deine Augen und Ohren nicht vor dem Leid des Anderen, sondern hilf!!!
Diese Hilfe, die so viel bewirken kann, muss gar nicht schwer sein: Ein Besuch am Nachmittag befreit den Einsamen für zwei Stunden von seiner Einsamkeit. Den Kranken zum Arzt zu fahren, der aufgrund einer Augen-OP gerade nicht selbst fahren kann, ist eine Riesenhilfe für den
Betroffenen. Der Altgewordene, der nicht mehr selber mit dem Bus zum Supermarkt fahren kann, freut sich, wenn er zum Einkauf mitgenommen wird und selbst in aller Freiheit entscheiden kann, was er kauft. – Eine kleine Hilfe kann starke Gefangenschaften aufbrechen und eine große Freiheit schenken! Zugegeben, nicht immer ist die Hilfe für einen „Gefangenen“ so einfach zu bewirken: Der psychisch kranke Mensch braucht die professionelle Hilfe eines geschulten Therapeuten. Der Alkoholabhängige braucht einen erfahrenen Helfer, der ihm zielgerichtet beistehen kann. Der schuldig Gewordene braucht die Freisprechung durch Gottes Wort. Ja, es gibt problematische Gefangenschaften. Es gibt aber auch viele Hilfsangebote. Bei Süchten hilft das „Blaue Kreuz“. Bei sexuellen Problemen kann man sich an das „Weiße Kreuz“ wenden. Für die Lossprechung von Schuld gibt es „geistlichen Beistand“: die Seelsorge, das Beichtgebet und die Absolution!
Übrigens – die schlimmsten Gefangenschaften unseres Lebens: Sünde, Tod und Teufel, die hat Jesus durch seinen Tod am Kreuz und durch seine Auferstehung überwunden. Seitdem ist der christliche Glaube der Weg in die Freiheit des ewigen Lebens. Dabei gilt: „Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei“ (Joh 8,36)!
Und wie hilft man dem, der wirklich „leibhaftig“ im Gefängnis sitzt? Die im Brot eingebackene Feile, mit der sich der Gefangene selbst befreien kann, ist wohl nicht gerade die richtige Hilfe! Manche Last, auch die Last einer Haftstrafe, muss bis zum Ende getragen werden! – Aber auch hier
ist Hilfe möglich! In der Entstehungszeit unseres Monatsspruches konnten in der Regel die gefangenen Christen von ihren Glaubensgeschwistern besucht werden. Die brachten wohl kaum eine Feile mit, dafür aber Liebe, Geduld, Freundlichkeit und manches aufmunternde Wort. Paulus
erlebte es als sehr wohltuend, wenn er bei seinen vielen Gefängnisaufenthalten von Schwestern und Brüdern besucht wurde (siehe Philemon-Brief u.a.).
Und heute? Heute ist auf dem Gebiet der Gefängnisseelsorge vieles möglich! Ich habe in Riesa eine ehrenamtliche Gefängnisseelsorgerin kennengelernt, die mit ganz viel Liebe, Optimismus und Glaubensmut für Gefangene eintrat. Häufig war diese Begleitung mit der Entlassung aus dem Gefängnis nicht zu Ende. Häufig wurde die Seelsorgerin aber auch enttäuscht, wenn die Entlassenen nach kurzer Zeit in der Freiheit ganz schnell wieder auf die „schiefe Bahn“ kamen und erneut „einrücken“ mussten. Trotzdem ließ sie den Mut nicht sinken, sondern gab Gottes große
Liebe in Rat und Tat an die Gefangenen weiter!
Liebe Schwester, lieber Bruder, ich bin mir sicher, dass Du irgendeinen Menschen kennst, der gerade auf besondere Weise – wovon auch immer – „gefangen“ ist. Nimm all Deinen Mut zusammen, vertraue Dich Gott an und versuche, mit dem „Rückenwind des Evangeliums“ diesem Gefangenen beizustehen. Ja, ich gebe es zu, Du kannst dabei bitter enttäuscht werden. Du kannst aber auch erleben, dass Deine Hilfe greift und dass der „Gefangene“ getröstet, ermutigt oder sogar befreit wird! Ist dieser Hoffnungsschimmer nicht einen Versuch der Hilfe wert?
Gott segne Dich, Dein Gerd Wendrock