Eine Betrachtung zum Spruch des Monats August 2026
Jesus Christus spricht:
Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben
und es in Fülle haben.
(Johannes 10,10)
Liebe Schwester, lieber Bruder,
liebst Du Dein Leben? Ist es Dir gerade Lust oder Last? Sage nicht zu schnell: „Ich muss ja mein
Leben lieben, es ist mir doch von Gott geschenkt! Es muss Lust sein!“ Im seelsorgerlichen Dienst
habe ich oft erlebt, wie Christen sich zur Lebensfreude zwingen wollen. Aber das funktioniert
nicht: Geist und Verstand können noch so überzeugt „Ja!“ zur Lebensfreude sagen, wenn die Seele
„Nein!“ dazu sagt, stellt sich die Freude nicht ein. Was bleibt, sind dann oft die bangen Fragen:
„Warum kann ich mich nicht freuen? Glaube ich eigentlich richtig? Habe ich wirklich Frieden mit
Gott oder bin ich noch gar nicht gerettet?“
Wenn Dein Leben mehr Last als Lust ist, dann musst Du ergründen, warum das so ist! Vielleicht
sind Dir die folgenden Fragen eine Hilfe dabei.
Erstens: Was ist eigentlich das Leben?
Wer wie ich in der Spätzeit der DDR in die Schule gegangen ist, musste im Unterricht ein Zitat aus
dem Buch von Nikolai Ostrowski „Wie der Stahl gehärtet wurde“ auswendig lernen. Dort sagt
Pawel Kortschagin, der Hauptakteur, des Buches: „Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das
Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nützen, dass ihn sinnlos verbrachte
Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer kleinlichen, inhaltslosen Vergangenheit ihn nicht
bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem
Herrlichsten in der Welt – dem Kampf für die Befreiung der Menschheit – geweiht. Und er muss
sich beeilen, zu leben. Denn eine dumme Krankheit oder irgendein tragischer Zufall kann dem
Leben jäh ein Ende setzen.“ Jahre später wurde ich bei jedem Besuch in der Praxis meines alten
Hausarztes an dieses Zitat erinnert. Es hing dort an einer Wand im Behandlungsraum! – Leben ist
in diesem Zitat vor allen eine harte und ernste Aufgabe. Die Aufgabe, die Menschheit zu befreien!
Der Sozialismus hat diese Aufgabe nicht erfüllen können. Menschen sind auch heute noch in vielen
inneren und äußeren Bindungen gefangen – vielleicht mehr als je zuvor! Zu wahrer Lebensfreude
führt das Kortschagin-Zitat nicht, wohl aber zu dem unerträglichen Druck, immer alles
Nutzbringende aus seinem Leben herausholen zu müssen. – Leben nach Aussage der Bibel ist
anders: Es ist eine Gabe Gottes (1Sam 2,6; Psalm 104,30; Kol 1,16). Gott schenkt das Leben. Er
erhält es. Er beendet es (siehe 1Sam 2,6!). Weiß sich ein Mensch wie Pawel Kortschagin, der
bewusst ohne Gott lebt, ständig der Gefahr irgendeiner „dummen Krankheit“ oder „irgendeines
tragischen Zufalls“ ausgeliefert, so weiß der an Gott glaubende Mensch: „Mein Leben liegt in
Gottes Hand.“ Bist auch Du Dir dieser tröstlichen Aussage bewusst?
Zweitens: Will Gott, dass wir uns unseres Lebens freuen?
Martin Luther sagt: „Gott will, dass wir fröhlich seien, und hasst die Traurigkeit. Wenn er nämlich
wollte, dass wir traurig seien, gäbe er uns nicht die Sonne, den Mond und die … Früchte der Erde,
die er uns alle zur Freude gibt.“ Eine klare Aussage: Gott gibt uns nicht nur das Leben, sondern er
gibt uns dazu auch noch alles, was wir zum Leben brauchen: Essen, Trinken, Luft, Lebensraum und
die Schönheit der Schöpfung. Können wir all das noch dankbar genießen oder sehen wir nur
Defizite, Probleme und Unzulänglichkeiten? Manchmal machen wir uns selber das Leben schwer,
wenn wir nur auf das Negative schauen und dabei die Schönheit des von Gott geschenkten Lebensmit all seinen „Zugaben“ aus dem Blick verlieren. – Kürzlich habe ich einen Bruder unserer
Landeskirchlichen Gemeinschaft Olbernhau beerdigt. Als ich seine Witwe im Trauergespräch
fragte, welche Botschaft wohl ihr Mann uns allen mitgeben wollte, sagte sie sofort: „Lebt in der
Dankbarkeit!“ Ein Leben in der Dankbarkeit Gott und dem Nächsten gegenüber ist ein guter Weg,
den Blick über alle Lasten des Lebens hinweg auf die Freude(n) zu richten, die das Leben mit sich
bringt. Somit kann ein Leben in der Dankbarkeit auch in schwierigsten Situationen heilsam sein:
„Wer Dank opfert, der preiset mich; und da ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil Gottes“ (Psalm
50,23). Falls Dein Verstand und Dein Geist ein Ja zur Lebensfreude finden, Deine Seele aber noch
mächtig hinterherhinkt, dann folge dem Rat der Theresa von Avila: „Tu deinem Leib des Öfteren
etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.“ Unsere jüdischen Schwestern und
Brüder haben einen Trinkspruch, der sehr gut zu diesem Thema passt: „L’Chaim“! Das bedeutet:
„Auf das Leben.“ Aber Vorsicht! Auch und gerade beim „Guten“ ist Maß halten erforderlich. Denn:
„… die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist“ (Paracelsus). Und Gift ist nun eben gerade definitiv
nicht das, was dem Leben und der Lebensfreude dient!
Drittens: Hilft uns unser Monatsspruch dabei, echte Lebensfreude zu finden?
Seit dem Sündenfall geht es in dieser Welt „kriminell“ zu. Auch zu Jesu Zeiten waren Verbrechen
an der Tagesordnung. So gab es Räuber, die in fremde Schafställe einbrachen, die Tiere stahlen,
verkauften bzw. schlachteten. Jesus erinnert seine Landsleute in Johannes 10 an diese
Verbrechen. Und er tut dies mit einer ganz bestimmten Absicht: Die Räuber, die der „Herde“ – den
Menschen – schaden, sind die selbsternannten „Oberen“ des Volkes. Sie bringen nicht das Leben.
Sie fördern es nicht, sondern sie machen es kaputt. Jesus Christus aber ist von Gott geschickt,
damit die Menschen das Leben haben – und zwar in Ewigkeit! Jesus bringt das Leben. Er fördert es
und er macht es heil. Gleich zwei „Bilder“ verwendet Jesus in Joh 10, um seine Mission zu
verdeutlichen. Er ist die „Tür“, durch die die Menschen in die Ewigkeit kommen, und er ist der
„Gute Hirte“, der die Seinen leitet, lenkt, betreut, versorgt, bewahrt und rettet. Ja, er tritt sogar
mit seinem Leben für sie ein. Wer diesem guten Hirten folgt und in ihm den Zugang zur Ewigkeit
findet, der hat das „Leben“ und er hat es „in Fülle“ – jetzt und allezeit! Über diese klare Botschaft
können, dürfen und sollen wir uns freuen! Paul Gerhardt freut sich so sehr darüber, dass er
dichtet: „Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust; ich sing und mach auf Erden
kund, was mir von dir bewusst.“
Leben ist nicht gleich Leben! Es gibt das zeitlich begrenzte Leben, das mit dem Tod endet. Dieses
Leben wird jedem Menschen auf der Erde geschenkt. Und es gibt das zeitlich unbegrenzte, das
„ewige Leben“. Dieses Leben bekommt jeder, der an Jesus Christus glaubt. Auch und gerade hier
gilt Joh 3,36: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.“ – Jeder Christ lebt beide Leben,
das zeitlich begrenzte und das ewige! Niemand hat diese Tatsache schöner beschrieben als Hans
Joachim Iwand: „Christen leben mit den Füßen im Himmel und mit dem Kopf auf der Erde“.
Manchmal wird uns das zeitlich begrenzte Leben zur Last! Die Trübsal, eine Begleiterscheinung
unseres Lebens in dieser sündigen Welt, macht uns in vielerlei Gestalt das Leben schwer. Sie zeigt
sich in Krankheit, Schmerzen, Tod, Verlust, Scheitern, Ausgrenzung, Mobbing, Ablehnung,
Erschöpfung etc. In solchen Situationen wird schnell aus Lust Last. Ein „Du musst als Christ aber
fröhlich und dankbar sein“ bringt uns hier nicht weiter. Was uns weiterbringt, ist ein guter Rat, den
uns Georg Müller gibt: „Es gilt, unserem innwendigen Menschen immer neu die Kräfte von oben
zuzuführen, davon er leben und erstarken kann“. Wo finden wir diese Kräfte? Im Gebet. In Gottes
Wort. In der Gemeinschaft. Damit aus Last wieder Lust wird, brauchen wir die Nähe unseres
Gottes, der sich gern von uns finden lässt. Vor allem der Blick über das zeitlich begrenzte Leben
hinaus auf das ewige Leben hilft uns, Glück und Freude (neu) zu entdecken. Martin Luther sagt mit
diesem Blick auf die Ewigkeit: „Mitten im Tode sind wir mit dem Leben umfangen.“ Was diese
hoffnungsvolle Tatsache für unser Leben bedeutet, steht ganz klar, verständlich und
alltagsrelevant bei Paulus: „Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes
vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; ich vermag
alles durch den, der mich mächtig macht“ (Phil 4,12f).
Liebe Schwester, lieber Bruder, ich wünsche Dir einen festen Glauben. Ich wünsche Dir eine
unzerstörbare Hoffnung. Ich wünsche Dir ganz viel erfahrbare Liebe. Und ich wünsche Dir, dass Dir
Dein Leben nicht Last, sondern Lust ist.
Gott segne Dich, Dein Gerd Wendrock